Leichter gehts leichter?!

Bei mir begann alles mit 13 Jahren. Es fing mit einer Diät an,     doch irgendwann, konnte ich damit nicht mehr aufhören.             Ich liebte den Erfolg den ich hatte. Ich liebte es,                            die "Kontrolle" über mich zu haben.Ich habe nicht bemerkt,          dass ich sie schon längst nicht mehr hatte. Und was folgte,         waren 12 Jahre Hölle und zurück...

Todessehnsucht, Hunger und Schmerzen.                                         So viele Jahre. Aber ich dachte ja ich hätte alles im Griff.             Ich tat so, als würde es mir gut gehen.                                          Man sah das ich log, doch wahrhaben                                            wollte es auch niemand.

Wer möchte schon glauben das,                                                    dass eigene Kind sich zu Tode hungern will? In Wahrheit möchte das keine Magersüchtige, jedenfalls zu Anfang nicht. Doch irgendwann, erreicht man einen Punkt, an dem einem alles zuviel wird. Man hält diese Stimmen nicht mehr aus, die einem sagen was man tun soll. Alles ist zu laut, zu hell, zu intensiv. Man will permanent alleine sein. Ruhe haben, nicht reden, nicht atmen.

 

Diesen Punkt zu erreichen war das schlimmste. Es war grausam immer und immer wieder zu Leiden. Jeden Tag. Dieser ewige Kreislauf macht einen fertig und ich habe mir so oft gewünscht, dass mir endlich jemand hilft, doch ich hatte nicht den Mut und die Kraft um jemanden um Hilfe zu bitten.

Und dabei wollte ich doch einfach nur Kind sein dürfen. Und glücklich und wie alle anderen Kinder in meinem Alter. Ich wünschte, es hätte eher jemand gemerkt. Ich gebe niemandem die Schuld und ich habe sie meinen Eltern zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben gegeben.

Ich weiß noch, als ich auf die Berufsschule ging. Ich feierte mit meinen besten Freundinnen meinen Geburtstag. Es muss der 23. gewesen sein. Wir waren zwar total betrunken, aber zum ersten Mal wurde mir klar, das ich anders sein möchte. So, wie alle anderen auch. Ich lag mit meiner Freundin auf dem Sofa, als alle schon weg waren und ich sagte zu ihr, dass ich normal sein möchte. Das ich gesund sein möchte und das ich nicht sterben will. Dieser Moment hat so vieles bei mir verändert. Mir wurde klar, dass ich so nicht weitermachen konnte. Aber es zu ändern schaffte ich auch (noch) nicht.

Auf ewiges drängen meiner Freundinnen bat ich dann doch unsere Lehrerin um ein Gespräch. Sie ist Seelsorgerin und kennt sich sehr gut mit Essstörungen und vielem mehr aus. Zunächst ging ich zu ihr, um über meine Mama zu sprechen, doch im Gespräch erwähnte ich, dass mein Vater wüsste das ich wieder brechen würde nach dem Essen und das er sicher enttäuscht wäre. Und dann begann der Anfang von etwas besserem. Beinahe 2 Jahre saß ich wöchentlich bei ihr. Wir redeten und irgendwann kamen wir darauf zu sprechen, wie ich die Bulimie besigen könne. ich sagte ich hätte keine Bulimie, ich würde ja nie viel essen. Bulimiker würden richtig viel essen und dann erbrechen, aber ich nicht. Und das stimmte auch. Sie sagte darauf ich wäre Magersüchtig und ich sagte:" Dafür bin ich doch viel zu Fett!" Sie lachte und sagte: "Klapperdürr, aber zu Fett um Magersüchtig zu sein."  Bis zu dem Zeitpunkt war mir auch nie richtig klar was denn nun nicht mit mir stimmte. Das mein Essverhalten nicht normal sein konnte war mir durchaus bewusst, aber es beim Namen zu nennen, war zu viel für mich.

Es folgten viele Tage in denen es mir sehr schlecht ging. Ich weinte unheimlich viel. Ich weiß noch, dass ich mich immer ganz klein machte wenn ich bei Frau S. saß. Rückblickend sehe ich das alles vor mir. Total verkrampft, ängstlich, frierend. Ich schämte mich so unheimlich. Ich fühlte mich fett und wertlos und ich dachte, dass andere vielleicht viel dringender mit ihr reden müssten.

Einen Tag ging es mir so schlecht, dass ich nicht mehr laufen konnte in der Schule. Ich zitterte unheimlich und Frau S. fuhr mich ins Krankenhaus. Einerseits war ich sooo sauer und doch war es auch schön, dass sie mich hielt, ich mich gestützt fühlte, nicht nur im physischen Sinne, sondern auch psychisch. Im krankenhaus machte man alle möglichen Tests. Es war Gott sie Dank "nur" ein Kreislaufzusammenbruch auf Grund des Untergewichts. Die Schwester sagte ganz lieb zu mir: "Man denkt immer, man schafft es alleine..." Ja, dass denkt man wirklich. Man denkt immer man kann einfach aufhören und wieder ganz normal essen, aber das stimmt nicht.

Die Gespräche mit Frau S. und den anderen Lehrerinnen taten unheimlich gut. Es war schön ernst genommen zu werden und sich einfach alles von der Seele reden zu können. Für mich war dieser Schritt so unheimlich wichtig, denn zum ersten Mal, wurde mir deutlich gemacht, dass ich sterben könnte und das ich etwas ändern muss.

Nach zahlreichen Ernährungsplänen die ich allesamt in den Müll werfen musste, vielen Tränen und unglaublicher Wut an anderen Tagen, fanden wir einen Weg, der mir half. Ich schrieb immer genau auf was ich aß, ich ging spazieren statt aufs Klo um mich zu übergeben, ich gab meine Medikamente ab, denn aus dem Müll hätte ich sie wieder rausgeholt und ich lernte ganz langsam, meine Wut nicht gegen mich zu richten. Am Anfang habe ich mich oft so heftig geschnitten, dass sehr lange und dicke Narben zurückblieben. Einige hätten sicher genäht werden müssen.

Nebenher hatte ich auch Gesprächstherapien bei meinem Psychologen und eine Zeitlang war ich in einer Tagesklinik.

Jetzt bin ich Zweifache Mama und das obwohl ich nie gedacht hätte, dass ich nochmal Mama werde, nach 7 Jahren. Es geht mir heute besser, auch wenn ich noch nicht geheilt bin, aber ohne die Hilfe die ich hatte, wäre heute alles anders und das sicher nicht im positiven Sinne.

Mit Frau S. habe ich oft über meine Zukunft geredet. Wo ich in 10 Jahren sein möchte fragte sie. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich so "alt" werde. Irgendwann konnte ich das und ich wollte ein kleines Haus in der Lüneburger Heide, mitten im Grünen und ein zweites Kind. Mein Baby habe ich schon, fehlt noch das Haus im Grünen. Aber das ist ja nichts, was nicht machbar ist. Jetzt habe ich viele Träume und ich weiß, dass ich sie verwirklichen kann, aber auch nur, weil ich Dank dieser Menschen noch lebe. Und wenn ich irgendwann die Polarlichter sehe, werde ich diesen Menschen schreiben und ihnen dafür zum tausendsten Mal danken das ich noch lebe. Ich werde sie in mein Haus in der Lüneburger Heide einladen und ich werde essen. Zum ersten mal werden sie es sehen und ich werde keine Angst haben!

Das schlimmste an der Magersucht ist, dass man nicht bemerkt, wie man immer tiefer in die Krankheit hineinrutscht. Man denkt man hat alles Im Griff. Man denkt, man hat de Kontrolle, doch die hat man nicht lange. Irgendwann, hat man die Kontrolle nicht mehr, dann steht man da, alleine, abgemagert und kurz vor dem Tod. Und das alles, weil man dachte, man hätte alles unter Kontrolle...

 

Viele glauben, dass man erst krank ist und Hilfe braucht, wenn das Gewicht schon in einem lebensbedrohlichen Bereich ist, doch Magersucht beginnt viel früher. Und würde man sich viel früher Hilfe holen, dann würde es erst gar nicht soweit kommen.

 

Man merkt auch nicht jedem gleich an das er eine Essstörung hat, denn wir reden nicht gerne darüber, weil wir es uns ja selber nicht eingestehen wollen. Spätestens dann, wenn jemand sich nur noch mit dem essen beschäftigt, Gewicht verliert, teilnahmslos wirkt oder häufig über Diäten und den eigenen Körper spricht, sollte man überlegen, ob mehr dahinter steckt, auch wenn das Gewicht noch normal oder höchstens leichtes Untergewicht zu sein scheint. Man kann schon vorher helfen. Es muss nicht erst zu spät sein, denn wir glauben, dass es uns noch gut geht und das obwohl man uns ansieht das es nicht stimmt. Ab einem bestimmten Punkt ist es schwer noch zu helfen, denn irgendwann verweigert man diese Hilfe einfach, weil man nicht mehr glaubt was andere einem sagen.


Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!